Editorial der Sonderausgabe „Womanomics 2010“, Juni 2010:

Womanomics

Warum Frauen die Ökonomie der Zukunft prägen

Als dauerhafter Beobachter des Zeitgeistes kommt man an gewissen Ermüdungserscheinungen nicht vorbei. Eine betrifft die „Frauenfrage“. Nach Myriaden von Talkshows mit der gestrengen Alice Schwarzer, nach hunderttausend Spiegel-Texten und Büchern über schwache Männer und starke Weiber, nach vollen Sportstadien mit dummwitzigen Proll-Sprüchen über den „kleinen – hihi – Unterschied“ mag man irgendwann von der Feminisierung unserer Welt – und den Gegenreaktionen – nichts mehr hören. Scheinbar tut sich überhaupt nichts. In allen entscheidenden Posten unserer Wirtschaft sitzen immer noch die Führungsbatterien der Männer, besonders dort, wo es um zukunftsweisende Innovationen geht: bei den Automobilen, in der IT, in der Energiebranche. Die Einkommen der Frauen, so ist zu lesen, stagnieren seit Jahren. Bisweilen hat man den Eindruck, als ob die Frauen selbst aufgegeben haben. Und sich lieber den Freuden der biodynamischen Spätmutterschaft anheimgeben, als um die schnöde Karriere zu kämpfen.

Aber oft verändern sich die Dinge gerade dann, wenn sie stillzustehen scheinen. In 14 % aller deutschen Haushalte verdienen die Frauen heute mehr als die Männer. Das klingt wenig, aber vor 10 Jahren waren es nur 6 %. In rund der Hälfte aller deutschen Firmen hat man inzwischen Programme zur weiblichen Karriereförderung entwickelt. Die Telekom verabschiedete vor Kurzem eine Quotenregelung für ihr Management. In 5 europäischen Ländern kommt demnächst eine 40-%-Klausel nach norwegischem Beispiel zum Tragen. Dann müssen in den Aufsichtsräten großer Unternehmen 40 % Frauen vertreten sein. Warum diese plötzlichen Fortschritte? Ganz einfach: Die Wirtschaft versteht allmählich, dass die klugen Frauen für die kommende Ökonomie-Runde dringend gebraucht werden. „Womanomics“ bedeutet eine andere ökonomische Dynamik in Zeiten veränderter globaler Gewichte. In Skandinavien, wo das Fraueneinkommen um rund 20 % höher liegt als in Deutschland, ist der Konsum wesentlich vitaler, was die Wirtschaft resistenter gegen Krisen macht.

Eine Ökonomie, die auf die Kraft und Intelligenz der Frauen baut, ist in ihrem Wesen eine Service-Gesellschaft. Frauen wollen den Alltag schneller, effektiver, komplexer und vernetzter. Sie sind geborene Konsumentinnen, haben aber wenig Lust auf umständliche Technik, angeberische Mobilität und sinnlose Produkte. Sie sind „Lohas“-Pioniere des Bio-Sektors, des ethischen Konsums. Wo gebildete Frauen die Kultur bestimmen, kommt es zu einem dynamischen Ausbau des Bildungssystems, und das treibt die Löhne nach oben und damit die Kaufkraft. Die Discount- und Billigmärkte schrumpfen. Das bringt alte, vertrocknete Märkte zum Blühen. Und die gesamte Wirtschaft erlebt tatsächlich wieder das, was die (Männer-)Riegen der Wirtschaftsanalytiker immer nur konzeptlos fordern: Wachstum.